Während ihrer The-Asylum-Tour durch ganz Europa erkrankte Emilie Autumn leider an einer Kehlkopfentzündung. Trotz dem ganzen Tourstress nahm sie sich netterweise die Zeit, uns einige Fragen somit nicht vor Ort in Bochum sondern per Email zu beantworten. Heraus kamen interessante und vor allem sehr ehrliche Aussagen – zu Emilies Lebens als Künstlerin, ihrer Vergangenheit und ihrer ganz persönlichen Verbindung zum viktorianischen Zeitalter.

emilie-033 Du kümmerst dich um die ganzen Asylum Projekte und du sagst selber, dass du dir keine Freizeit gönnst. Ist das nicht manchmal zu stressig oder wie schaffst du das?

Alles was ich mache, ist miteinander verbunden. Es ist nicht so, dass ich das alles mache – die Alben, Kunst, Kostüme, Shows, etc. – und dann um fünf Uhr nach Hause gehe und mein richtiges Leben anfängt. Ein wahrer Künstler geht am Wochenende nicht nach Hause. Das ganze Leben ist ein Kunstprojekt und davon gibt es keine Freizeit.

Wir haben gelesen, dass deine Eltern wollten, dass du Konzertviolinistin wirst. Nun stehst du auf der Bühne, aber es ist etwas komplett anderes als das, was sie sich vorstellten. Mögen sie das was du tust dennoch?

Als erstes möchte ich sagen, das meine Eltern nichts damit zu tun hatten, dass ich Violinistin werden wollte als ich klein war. Das war etwas, was ich von ganz alleine wollte und sie waren eigentlich sogar zu Beginn dagegen. Ich habe keine Eltern mehr oder andere Verwandte in dem Sinne (sie starben alle bei einem Feuer), deswegen kam mir nie in den Sinn was sie darüber denken würden. Auf jeden Fall glaube ich, das die Person, die davon am meisten geschockt ist was aus meinem Leben geworden ist und welche Art von Konzerte ich nun gebe, ich selber bin.

Du bist nun seit drei Jahren mit denselben Alben auf Tour, dennoch sind deine Konzerte immer gut besucht. Es scheint also, dass du etwas großes mit dem Asylum erschaffen hast. Denkst du, du kannst die Erwartungen deiner Fans mit dem was kommt gerecht werden?

Das kann ich unmöglich sagen, denn ich weiß nicht was meine Fans erwarten. Tatsächlich versuche ich sehr stark darauf zu achten, das gar nicht erst zu erfahren, denn das Wissen darüber könnte mich und mein kreatives Ergebnis wahrscheinlich verletzten. Ich denke es ist sehr gefährlich, das zu berücksichtige, was die Fans wollen, und ich weiß wie unhöflich das klingt, aber ich weiß, dass meine Fans verstehen, was ich meine. Sie wissen, dass der einzige Weg dies alles mit ihnen zu teilen und dabei absolut ehrlich zu sein ist, wenn es ausschließlich von mir und meinen Gedanken kommt, nicht von der Berücksichtigung was jeder andere will. Ich respektiere meine Zuhörer in dem ich ihnen die Wahrheit erzähle und sie respektieren mich, in dem sie die Wahrheit wollen, eher als davon begünstigt zu sein.
Damit möchte ich sagen, dass meine einziges Anliegen immer sein wird, ob mein Publikum mit mir mithalten kann oder nicht, und nicht andersrum.

Das ist nicht das erste Mal, dass du während einer Tour krank bist. Hast du je drüber nachgedacht eine längere Pause zu nehmen und dich komplett auszukurieren?

Ich habe nie eine Show gecancelt weil ich krank war oder aus einem anderen Grund, bis zu dieser Tour, als ich eine Kehlkopfentzündung entdeckte und ich für eine Woche nicht mehr sprechen konnte. Es ist schwer, auf Tour nicht krank zu werden, verschiedene Leute leben auf engsten Raum und wenn einer von uns krank wird, ist es unabwendbar, dass jeder es wird. Es ist zudem lächerlich stressig, und Touren, wenn es eisig kalt ist im Winter, kommt noch dazu. Wir sind alle auf eine Art Hexen-Doktoren geworden und heilen uns mit Ölen und Kräutern und magischen Sprüchen wenn es richtig schlimm wird. Wir sind eine sehr komische Gruppe von Mädchen.

Wie fandest du die Mädchen, die zu den Bloody Crumpets gehören?

Crumpets werden geboren, nicht gemacht. Es gibt keine Castings. Wenn du dazu bestimmt bist ein Crumpet zu sein, dann bist du bereits eines.

Obwohl du und die anderen ziemlich beschäftigt seid mit euren ganzen Projekten, schafft ihr es dennoch, neue Shows zu kreieren. Woher kommen die ganzen Ideen?

Die Shows kommen direkt von der Asylum Geschichte, so ist es sehr einfach, das zu erschaffen, da es wirklich existiert – es ist unser Job, Teile der Geschichte in drei Stunden oder weniger in eine Art zu zeigen, die die Leute verstehen und ihnen zu zeigen um was es in der Asylum Welt wirklich geht, wofür die Charaktere, die dort leben, stehen, was hauptsächlich Freiheit, Angstlosigkeit und Einigkeit ist.

Du hast einen ausgeprägten Kunstbegriff. Kennst du Grenzen oder stimmst du Joseph Boys Aussage ‘Alles ist Kunst’ zu?

Ich glaube nicht das alles Kunst ist. Eigentlich denke ich, dass einiges an Kunst gar keine Kunst ist. ‘Kunst’ ist ein Begriff, der zu häufig gebraucht und missbraucht wird, genauso wie der Begriff ‘Genie’.

Du bist sehr von der viktorianischen Zeit beeinflusst, zeigst aber gleichzeitig die grausamen Aspekte der Zeit, vor allem für Frauen, auf. Wie läßt sich das miteinander kombinieren?

Ich kombiniere gar nichts, das ist die Wahrheit der damaligen Zeit und ich zeige lediglich, wie es wirklich ist. Es gibt eine öffentliche Sicht der viktorianischen Zeit, die sich komplett aus Teeparties, wunderschönen Kleidern und einer guten Haltung zusammensetzt, aber das ist eine höchst falsche und unvollständige Sicht von etwas, was in Wirklichkeit in vielen Sachen eine sehr dunkle und erschreckende Zeit war. Und ja, vor allem für Frauen, aber auch für jeden anderen. Mein Wunsch ist es, diese dunkle und heruntergekommene Schattenseite dieser Zeit aufzudecken, um die Paralellen zu unserer Zeit zu zeigen, so dass wir daraus vielleicht etwas lernen, wohin wir gehen, wenn wir darauf zurückblicken woher wir kamen.

Durch das Internet versuchst du ja, die Leute des Asylums immer auf dem neuesten Stand zu halten. Wird dir das nicht irgendwann zuviel oder wünscht du dir nicht hin und wieder etwas Abstand?

Ich habe eine Menge Privatssphäre, in der ich mich in meiner Asylum-Zelle verkriechen kann, wann immer ich nicht auf Tour bin, und manchmal schreibe ich einfach Musik oder male Bilder oder backe Muffins und spreche tagelang mit niemanden.
Das Internet ist ein sehr nützliches Werkzeug um die Plague zu verbreiten, aber was das Wichtigste daran ist, dass meine Fans, die Muffins und Plague Rats, das selber tun, ohne mich. Sie haben sich selbst mit der Welt des Asylums verbunden und sie sind sehr beschäftigt, diese bizarre Realität von mir in etwas größeres und großartigeres zu verwandeln, selbst wenn ich nicht online oder anders zu erreichen bin.
Die Fans haben Eigentumsanspruch auf ihren Platz im Asylum erhoben und wenn sie die Plague verbreiten oder wenn sie für die Asylum Armee rekrutieren, dann tun sie das nicht für mich – sie tun es für sich selbst, genau wie es sein soll.

emilie-049 Wir lasen in einem Interview, dass du dich sehr für Geschichte interessierst. Inwiefern beeinflusst sie dich in deinem Tun? Interessierst du dich nur für eine bestimmte Epoche oder reicht dein Interesse über die viktorianische Zeit hinaus?

Ich war schon immer besessen vom Studium der Geschichte, aber es gibt bestimmte Epochen mit denen ich mich auf einem persönlichen Level identifiziere. Vor einigen Jahren war mein Fokus auf die elisabethanische Zeit und das hat meine Arbeit zu der Zeit stark beeinflusst. Ich bin so vertieft in die viktorianische Zeit, denn das war eine Zeit mit massiven Veränderungen, Experimenten, Entdeckungen und Angst und ich sehe direkte Parallelen zu unserer heutigen Zeit, die mich gleichzeitig fasziniert und ängstigt. Der Beginn der modernen Medizin und Psychatrie war sehr viktorianisch und das sind zwei meiner Hauptstudien. Ich werde eines Tages Doktor, wartet nur ab…

Endlich ist dein Buch “The Asylum” erschienen. Was kannst du uns darüber und die Entstehung erzählen?

Ich kann euch sagen, dass ihr mehr über mich lernen werdet, als ihr wahrscheinlich wissen wolltet, aber – und das ist das Wichtigste – ihr werdet alles über die Welt des Asylums erfahren, was viel wichtiger und unendlich viel ausgedehnter ist als ich selber oder meine Musik. Fans, die dachten, sie würden das Asylum bereits kennen, werden nun anfangen zu verstehen wie falsch sie lagen im Guten oder auch Schlechten. Das Buch ist unter 17 Jahren nicht freigegeben und ist nichts für schwache Herzen.

Wird es das Buch auch als Audiobook geben?

Allerdings wird es das geben!

Du gehst ja sehr offen mit deiner Vergangenheit um und sprichst immer wieder über die Dinge, die du erlebt hast. Dennoch ist es kein Problem, wenn du folgende Fragen nicht beantworten möchtest.

Du warst selber einmal in einer geschlossenen Nervenheilanstalt. Kommt aus dieser Erfahrung dieses humoristisch-sarkastische, das immer wieder in deinen Bühnenshows durchkommt?

Bestimmt tut es das, denn der einzige Weg, Erfahrungen wie jahrelangen Missbrauch, Geistesstörung, medizinische Experimente und letztenlich eingesperrt zu sein, zu überleben, ist eine Art von Humor darin zu sehen. Dunkler, tragischer Humor vielleicht, dennoch Humor.

Das Buch ‘The Asylum’ ist schon ein autobiographischer Roman und du gehst sehr offen mit der Thematik um, anders als andere Künstler. Wie wichtig ist es für dich persönlich darüber in der Öffentlichkeit zu sprechen? Denkst du, dass ein solch offenes Umgehen mit nervlichen Krankheiten ein Umdenken bei den Menschen bringen könnte, vor allem, da viele es nicht als Krankheit ansehen?

Es gibt eine Menge Dinge über die wir, fast global, immer noch nicht sprechen und bestimmt sind Geistesstörungen, Selbstverletzung und Selbstmord einige davon. Darüber hinaus hat niemand, der nicht in einer Nervenheilanstalt eingeschlossen war oder in einer arbeitet, eine Ahnung davon wie es in diesen Höllenlöchern ist. Das ist ein Problem von epischem Ausmaß und ich werde alles in meiner Macht stehende tun um diese Geheimnisse aufzudecken und Diskussionen über solche Themen zu entfachen und den, der darauf nicht reagiert, weiterhin zu zerstören für diejenigen die unter ihnen leiden.

Der humanistische Ansatz in der Psychologie, den Patienten als erkrankte Person und nicht als kranke Person zu sehen (also in dem Sinne, dass die Krankheit fest zu dem Menschen gehört) ist noch relativ jung. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht bzw. hast du die Erfahrung gemacht, dass sich dieser Ansatz in der Therapie schon niedergeschlagen hat oder nicht?

Das ist genau mein Punkt. Sehr wenig hat sich seit der viktorianischen Zeit bis heute verändert, und das ist genau das Problem. In dem ‘Asylum…’ Buch sind meine persönlichen Tagebucheinträge aus dem Inneren der modernen psychiatrischen Station gegenübergestellt mit denen aus dem Inneren einer viktorianischen Nervenheilanstalt, und die Geschichte fängt an, wenn der Leser beginnt, Probleme zu haben, die Einträge zu unterscheiden, denn die Worte und Geschichten sind absolut austauschbar in den zwei Epochen. Es ist erschreckend denn es ist wahr.

Welche Frage wolltest du schon immer mal gestellt bekommen und was wäre die Antwort?

Niemand hat mich je gefragt was die Plague wirklich ist. Ich glaube, dass die Fans das bereits instinktiv wissen was ich damit meine, aber für die die es nicht wissen: Die Plague ist Individualität und der Mut, so unterschiedlich zu sein wie möglich. Ich denke, es ist ein bißchen ironisch, dass ein Album, eine Bühnenshow und ein Buch, in dem es darum geht, verrückt zu sein, eigentlich dabei helfen, eine gesunde Umgebung zu schaffen, nicht nur für mich selber sondern auch für andere.

Famous Last Words

Ich hoffe ihr seid alle bereit für eine Tea Time, denn sie wird kommen… Die, die bereits ans Ende des ‘Asylums…’ Buch gekommen sind, wissen ganz genau, worüber ich spreche.

Melle / Rockinwords

[Originaltranskript (englisch)]
Rockinconcerts: Emilie Autumn

www.emilieautumn.com
www.myspace.com/emilieautumn





Kommentare

Name (erforderlich)

Email (erforderlich)

Webseite

Sag deine Meinung!

Spam Protection by WP-SpamFree


Copy Protected by Chetan's WP-CopyProtect.