Empfangen von einigen Mittelaltergestalten an ihren Essens- und Getränkeständen begann für uns der Besuch auf dem Blackfield Festival 2013 in Gelsenkirchen. Am letzten Wochenende hatte sich einmal mehr die schwarze – und doch bunt gemischte – Szene versammelt, um verschiedenste Bands zu feiern und sich dabei unter ihresgleichen zu mischen.

Eine der ersten Bands waren Coppelius aus Berlin. Eigentlich bezeichnet als „Metal“ wurde man eher mit einer Art Kammermusik begrüßt. Mit Cello und Klarinette bewaffnet begrüßten die Herren die ersten paar hundert Besucher auf dem Gelände des Amphitheaters. Nach einem kurzen Set – das „Leid“ der ersten Bands des Line-Ups – verabschiedeten sich Coppelius auch schon wieder, nicht ohne sich sehr höflich beim Publikum, der Crew und schlussendlich dem „Herrn Lichtmann“ zu bedanken und noch ein schönes Restwochenende zu wünschen.

Im Laufe des Nachmittages schienen die meisten Besucher ihren Zeltaufbau beendet zu haben und so wurde das Amphitheater von immer mehr dunklen Gestalten aufgesucht, um sich unter anderem In Strict Confidence zu Gemüte zu führen. Die drei Musiker läuteten eine gute dreiviertel Stunde Elektro/Dark Wave ein und spielten tapfer gegen den Regen an. Mit Songs wie Morpheus rissen die Musiker einige Tanzwütige mit, konnten das Niveau leider nicht die ganze Zeit über halten. Ob es am Wetter lag oder an der Leistung der Band inklusive der schwachen Stimme von Sängerin Nina, das sei mal dahingestellt. Auch Sätze wie „Ich mag schwarze Regenschirme am liebsten.“ von eben jener Künstlerin machten die Sache dann leider nicht besser.

Dem Regen zum Trotz erwartete man ganz gespannt im Anschluss wieder eine andere Musikrichtung, eine Mischung aus Rock und Metal, gespielt von den schwedischen Deathstars. Seit kurzem leider ohne Publikumsmagnet Cat Casino unterwegs, marschierten Sänger Whiplasher Bernadotte und seine Bandkollegen auf die Bühne und begannen ihr Set mit Blitzkrieg. Langsam füllte es sich vor der Bühne und Skinny gab sich alle Mühe, die Festivalbesucher zu motivieren mitzugehen, was ihm eindeutig gelang. Auch Whiplasher rannte munter hin und her und erzählte dem Publikum nicht nur einmal anzüglich „I can see, you look good naked.“ Trotzdem kam nicht die gewohnte Euphorie auf, die man von Auftritten der Skandinavier kennt und so beendeten die Mannen ihr Set zwar vor einer zufriedenen Zuschauerschar, aber leider ohne bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben.

Pünktlich um 21:45 Uhr betrat dann die Szene-Ikone Chris Pohl nebst seiner Combo Blutengel die Bühne. Mit Streichern und Tänzern – inklusive viel nackter Haut – boten die Berliner definitiv gleichermaßen etwas für Augen und Ohren. Das Amphitheater war zu diesem Zeitpunkt fast komplett gefüllt und lauschte den Klängen, die mal melodisch, mal elektronisch waren. Sogar etwas Klassisches, nämlich Die With You, hatte die Band mitgebracht – wohl als Vorgeschmack auf die kommende Klassiktour im Herbst. Hits wie Lucifer und Reich mir die Hand durften natürlich im Set nicht fehlen. Sänger Chris Pohl blätterte nach jedem Lied eifrig auf seinem Notenständer weiter und bedankte sich höflich bei Publikum – über geballte Arroganz konnte man sich an diesem Abend nicht wirklich beschweren. Und trotzdem: Er polarisiert nach wie vor. Die einen hassen ihn und bezeichnen ihn liebevoll als den Dieter Bohlen der schwarzen Szene, die anderen sorgen immer noch für Chartsplazierungen und fördern somit eine jahrezehntelange Bandgeschichte. Der Erfolg von Chris Pohl mit seinen diversen Projekten, allen voran Blutengel, lässt sich nun einmal nicht verleugnen. Und so stand an diesem Abend ein gespaltenes Publikum vor der Bühne – aber es blieb bis zum Ende.

Der zweite Tag des Blackfield-Festivals begann mit einem weitaus freundlicheren Wetter und auch die Besucher machten einen muntereren Eindruck als am Vortag. Man muss sich anscheinend auch immer ein bisschen warmlaufen.

Nach Formalin, NOYCE und Aesthetic Perfection erklommen die mittlerweile weithin bekannten Hamburger von Lord of the Lost die Bühne. Dort wurden sie auch schon von den ersten drei, vier Reihen sehnsüchtig erwartet. Schließlich liefen auf dem Gelände auch zahlreiche Lord of the Lost-Pullis und –Shirts rum. Während des Auftritts füllte sich aber das Amphitheater und bei Dark-Rock-Songs wie Sex on Legs und Die Tomorrow kamen einige müde Glieder wieder in Schwung. Sänger Chris Harms überschüttete sich wie gewohnt ein ums andere Mal mit Wasser und entledigte sich im Laufe des Auftritts mehrerer Oberteile – wohlwissend um den Gemütszustand der weiblichen Fans. Während endgültig die Sonne durch die Wolken brach, spielten die Jungs natürlich noch den Hit Dry The Rain und schon bald verabschiedeten sich Chris, Bo, Claas, Gared und Disco von den Zuschauern.

Nach der Rockband empfangen uns wieder eher elektronische Töne, bevor ein weiteres Mal ein ziemlich ansehnlicher Frontmann nebst Band die Bühne betrat. Zeromancer, die nächste Band aus dem hohen Norden, diesmal aus Norwegen, begannen ihr Set und diesmal wurde es richtig voll im Amphitheater. Nicht nur die weiblichen Fans – auch die männlichen dunklen Gestalten waren schwer begeistert von der Mischung aus Gitarren und Synthesizern. Bassist und Mastermind Kim warnte zu Beginn der Show vor Airberlin, da dort schon einmal gerne das Gepäck hängen bleiben würde – sollte heißen: Zeromancer spielten mit ausgeliehenem Equipment und zitterten selber eine Stunde lang, ob wohl alles gut gehen würde. Alle Sorge blieb jedoch unbegründet: Hätte man es nicht gewusst, hätte man bis auf die Tatsache, dass der Song Chromebitch abgebrochen werden musste, keine technischen Mängel bemerkt. Alex, Kim und Co. sind eben Profis und lieferten eine rundum gelungene Show ab.

Die Stimmung flachte nach den Norwegern nicht ab, das Niveau tat es schon. Polarisierer Nr. 2 erschien auf der Bildfläche: Alexander Kaschte, seines Zeichens Sänger von Samsas Traum. Man muss sagen, dass die Stimmung ab Beginn des Sets unter den Samsas-Traum-Anhängern großartig war. Diesmal gab es eine im Gegensatz zum letzten Auftritt der Band auf dem Blackfield eine gemischte Setlist, die begeistert mitgesungen wurde, und nachdem Kaschte einen Zuschauer zum Anführer ernannte, wurde tatsächlich eine Polonaise durch den Pulk veranstaltet. Was dem Ganzen aber einen mehr als bitteren Beigeschmack verlieh, waren Kaschtes Sprüche über übergewichtige Menschen „Seid ihr so fett geworden oder…?“ und seine mehr oder weniger beleidigende Art, den Song Ein Fötus wie du einzuleiten. Sowas scheint dem ein oder anderen entgangen zu sein. Das T-Shirt mit dem Aufdruck „Ich hasse Alexander Kaschte“ gehört übrigens wider Erwartens zum Merchandise.

Headliner des Abends waren And One – Urgestein der schwarzen Szene. Hier wurde man Zeuge einer der letzten Auftritte der EBM/Synth-Band, denn für den Herbst 2013 ist eine Abschiedstour angekündigt mit der anschließenden Auflösung der Gruppe. Und diese vielleicht für den ein oder anderen letzte Gelegenheit wurde auch noch einmal voll ausgekostet. And One sind einfach nach wie vor extrem tanzbar. Das Amphitheater war komplett gefüllt und feierte und tanzte gute anderthalb Stunden zusammen. Hier schien irgendwie für jeden etwas dabei zu sein, vielleicht nicht unbedingt bei dem Song Steine sind Steine, aber Stücke wie Mirror in Your Heart und Sometimes wurden begeisterter aufgenommen und bejubelt.

So tanzten Band und Publikum gemeinsam dem Ende des Samstagabends entgegen – in freudiger Erwartung was am Sonntag als krönenden Abschluss noch folgen sollte.

Der dritte und letzte Tag des Blackfields empfing uns weniger sonnig, sondern eher bedeckt und das sollte sich im Laufe des Tages auch kaum ändern.

Als erstes galt es, der Kammer zu lauschen. Einer Gruppe von Musikern, die gemütliche und angenehme Töne anschlugen. Hier und da vielleicht ein bisschen träge aber dennoch unterhaltsam stimmten Marcus Testory (übrigens Ex-ASP) und Co. das Publikum auf den Rest des Tages ein – soweit es denn schon vor Ort war. Wie immer war das Amphitheater Gelsenkirchen nämlich um die Mittagszeit noch recht spärlich gefüllt. Dies änderte sich jedoch im Laufe des Tages – bis Fixmer/McCarthy an der Reihe waren und der ein oder andere die Flucht ergriff.

Auf der Bühne spulten Douglas McCarthy (Nitzer Ebb) und Terence Fixmer ihr Set ab und ernteten dafür nicht unbedingt den meisten Applaus. Auch wenn bestimmt genug EBM-Liebhaber vor Ort waren und immer noch einige Cyber-Goths ihre Tanzschritte zum Besten gaben – im Grunde filterten die Ohren aus dem Set des Duos nur noch Krach raus. Und das galt vor allem für McCarthys Stimme, ob er nun EBM, Gothic oder Rock macht. Vielleicht sollte er sich auf Touren mit Nitzer Ebb beschränken, wo die hartgesottenen Fans auftauchen und dem ganzen mehr Sympathie entgegen bringen.

Die Stimmung und eigentlich auch den ganzen Tag retteten dann Staubkind aus Berlin. Sänger Louis entschuldigte sich noch dafür, dass sie leider nicht wie geplant die Sonne aus Berlin mitgebracht hatten und machte das jedoch mit dem Rest der Band durch großartige Musik wieder wett. Für die Elektroliebhaber waren die eher romantischen Klänge vielleicht nichts aber die Menge vor der Bühne wurde immer größer, und da es Staubkind ja nicht erst seit gestern gibt, waren einige Fans vor Ort und sangen tatkräftig Songs wie Ein Traum der nie vergeht und Paradies mit. Die sympathische Gruppe zog kurzerhand sämtliche Besucher in ihren Bann und beendete ihr Set mehr als passend mit Angekommen.

Mit der guten Stimmung ging es bei Mono Inc. direkt weiter. Die Hamburger brauchten nur ein, zwei Songs anzuspielen und schon gehörte ihnen das Publikum. Der Zuschauerraum war mittlerweile mehr als gefüllt und Martin Engler gab den perfekten Gastgeber. Zwischendurch wurde aus einem Mono Inc.-Song ein Medley inkl. Coversongs gebastelt, so dass jeder mitsingen und –feiern konnte. Drummerin Katha Mia hatte wie immer einen eigenen kleinen Auftritt und überzeugte einmal mehr von ihren großartigen Trommelqualitäten. Mitten im Set folgte dann das Highlight. Hatte man sich doch schon gewundert, welchen älteren Herren Eisbrecher-Frontmann Alexx da backstage um ein Foto gebeten hatte, so kam nun die Auflösung. Engler erklärte, dass Mono Inc. eine Single zusammen mit einem „Gast“ aufgenommen hatten und daraufhin betrat niemand geringeres als Joachim Witt die Bühne. Spätestens jetzt rastete der ein oder andere Besucher des Blackfields aus und die Stimmung kochte. Mono Inc. wurden gefeiert wie kaum eine andere Band auf dem Festival und der ein oder andere fragte sich vermutlich schon, ob das noch getoppt werden konnte – nämlich von dem Abschluss-Headliner.

Nachdem man nach Mono Inc. ein bisschen verschnauft hatte, erwartete man voller Spannung Eisbrecher. Die Bühne war vollgepackt mit Equipment und nachdem alles seinen rechten Platz gefunden hatte, betraten Alex Wesselskys Kollegen die Bühne während der Frontmann mit einer Rose im Mund auftauchte und diese in den ersten Reihen verschenkte. Danach startete die Band – schwer bewaffnet mit jeder Menge Nebel, zum Grauen der Fotografen – mit ihrem Set und versuchte, ordentlich Stimmung zu machen. Natürlich durften Songs wie Heilig, Schwarze Witwe und Antikörper nicht fehlen und die Eisbrecher-Fans gingen gut mit und feierten den „Checker“ und seine Kollegen. Trotzdem konnte die Gruppe einfach nicht die euphorische Stimmung von Mono Inc. aufrechterhalten. Was das Feedback anging, waren wohl Mono Inc. der heimliche Headliner des Tages.

Insgesamt hat das Blackfield Festival wie immer mit der perfekten Mischung im Line-Up aufgewartet. Elektro-, Rock- und Gothic-Fans kamen alle gleichermaßen auf ihre Kosten und es wurde niemals langweilig. Es gab natürlich Bands, die man sich hätte sparen können, aber diese wurden wieder durch Highlights wie Staubkind und Mono Inc. wettgemacht.

Fest steht einfach, dass schwarze Festivals die friedlichsten und entspanntesten in der Musikwelt sind und man sich rundum wohl fühlen kann. Danke an das Blackfield 2013 für die tolle Organisation und ein schönes Wochenende! Hoffentlich sieht man sich im nächsten Jahr wieder!

Molle/Rockinwords

www.blackfield-festival.de

 

Rockinconcerts: Blackfield Festival 2013
Markiert in:                                                                     

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

This blog is kept spam free by WP-SpamFree.