Kurz vor ihrem Auftritt in der Kulturfabrik Krefeld am 04.02.2009 nahm sich Apoptygma Berzerk-Fronter Stephan etwas Zeit für uns und sprach mehr als ausführlich über das aktuelle Album ‚Rocket Science‘, Medien und Barack Obama.

apop29.jpg Mittlerweile liegen drei Jahre zwischen der Veröffentlichung von You And Me Against The World und Rocket Science, ihr seid in der Zwischenzeit viel getourt aber in der letzten Zeit war es relativ ruhig um Apoptygma Berzerk. Was ist geschehen?
Wir waren im Studio und haben versucht, das bestmögliche Album zu machen. Wir brauchten viel Zeit, weil wir diesmal sehr in die Details gegangen sind. Das Album sollte eigentlich im Oktober oder November letzten Jahres rauskommen aber es war dann doch noch nicht fertig, weil ich einfach so langsam war. Also ich bin sowieso ein bisschen faul, aber das war hier nicht der Grund. Der Grund war, dass ich versucht habe, mein Bestes zu geben. Wir sind bei vielen Dingen nochmal einen Schritt zurückgegangen und haben nochmal von vorne angefangen, damit es auch perfekt wird. Auch das Artwork und allen anderen visuellen Dinge brauchten ihre Zeit, damit sie genau so wurden, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Das alles waren also eigentlich die wichtigsten Gründe, warum wir so in Verzug gerieten. Aber jetzt bin ich froh, dass das Album endlich draußen ist. Ich hab es selber gestern erst zum ersten Mal gesehen. Das war wirklich aufregend. Jedes Album ist wie ein Baby.

Wahrscheinlich habt ihr keine andere Frage in den letzten paar Wochen so oft gestellt bekommen: Rocket Science – was kannst du uns darüber erzählen, über diese ganze Idee dahinter?
Es ist eine Kombination von ganz vielen verschiedenen Dingen, über die wir zum Teil auch schon sprachen, wie zum Beispiel diese Liebe zum Detail. Wenn du mit Raketen zu tun hast und sie dort oben hinschickst *zeigt gen Himmel*… Wenn da dann etwas nicht stimmt, wenn das alles nicht perfekt ist, wird es explodieren und hinunter fallen. Du musst also wirklich ins Detail gehen und alles wirklich perfekt machen und genauso haben wir es mit diesem Album gemacht. Es hat sehr lange gedauert und genauso ist es mit der Raketentechnik. Ich tendiere oft dazu, ins Detail zu gehen wenn es gar nicht nötig ist und doch tue ich es, weil ich alles so gut wie möglich machen will. Ich sitze dann den ganzen Tag da und arbeite an irgendwelchen Gitarrensounds um es einfach perfekt zu machen und unser Management oder unser Label sagt dann ‚Du musst daraus jetzt nicht so etwas kompliziertes machen. Wir brauchen den Track morgen.‘ ‚Okay, ich versuche es…‘ und ich werde natürlich nicht fertig. Also brauchen wir noch eine Woche und in diesem Fall brauchten wir fast ein Jahr. Sie baten mich also, keine ‚Raketentechnik‘ daraus zu machen aber ich musste einfach.

Wir lasen, dass Green Queen eigentlich die erste Single-Auskopplung des Albums sein sollte. Ist das richtig?
Nein. Es war der erste Song, den ich für das Album schrieb, aber er wurde keine Single, sondern der Soundtrack für einen deutschen Film [Anm. d. Red.: der Track wurde für den Soundtrack zu ‚Lauf um dein Leben – Vom Junkie zum Ironman‘ geschrieben].

Du hast dich vor Rocket Science ausgiebig mit Verschwörungstheorien beschäftigt, dazu zählt ja auch das Kennedy-Attentat. Was denkst du über die jüngst vergangene Präsidentschaftswahl?
Die mit Obama?

Ja.
Ich hab es mir noch nicht mal angesehen. Es ist alles nur ein großer Zirkus, wie immer. Ich muss schon sagen, dass er netter Kerl zu sein scheint aber wird er Amerika ändern? Nein. Es wird genauso weitergehen wie es immer war. Da wird keine neue Veränderung eintreten. Ich glaube da nicht dran. Es ist nicht so, dass ich Obama nicht mag. Er scheint um einiges netter zu sein als Bush aber ich denke, dass das alles nur ein großes Spiel ist. Ich mache mir eher Gedanken um die Schwarzen in Amerika, die endlich einmal beachtet werden. Es muss sich für sie so gut anfühlen, wenn sie merken ‚Oh, wir schaffen es. Wir haben einen schwarzen Präsidenten. Ist das wirklich möglich?‘ Ich denke, diese Tatsache ist viel wichtiger als alles andere. In meinen Augen wird die Politik immer noch von denselben Menschen im Hintergrund beherrscht, ganz egal, wer die Person im Vordergrund ist. Ich glaube, dass es gefährlich ist, allzu große Erwartungen an Obama zu haben wie ‚Oh, er wird die Welt verändern…‘ und so weiter, denn es wird einfach so sein wie immer und ich kann nur hoffen, dass ihm nichts zustoßen wird. Ich meine, wenn er erschossen werden würde, wäre das viel schlimmer als bei Kennedy damals. Es könnte wieder zu einer Art Bürgerkrieg in den USA kommen und ich denke, das würde es auch. Ich möchte aber auf gar keinen Fall etwas schlechtes über Obama sagen, weil er wirklich ein richtig netter Kerl zu sein scheint.

apop05.jpg Um noch einmal auf die Verschwörungstheorien zurück zu kommen: Im Internet diskutierte man über das Release-Datum von Rocket-Science, weil es der 23. ist und die 23 die Zahl der Illuminaten ist. Manche Fans dachten, dass das Datum extra so gelegt wurde, stimmt das?
Kein Kommentar. *lacht* Es sind ja übrigens auch 13 Songs auf dem Album und es gibt noch ein paar andere dieser Dinge aber das sind alles nur Zufälle. Die ganzen Verschwörungstheorien sind vielleicht auch nur Zufälle gewesen. Es ist ja oft so, wenn man in irgendeiner Art und Weise zum Fanatiker wird, nach dem Motto ‚Wow, ich sehe überall Geister’, wisst ihr? So etwas ist nicht gut. Ich bin kein Fanatiker und es gibt viele Dinge, die uns zwar erzählt werden, die aber nicht wahr sind. Natürlich siehst du überall Gespenster wenn du welche sehen willst. Es ist also wichtig, dass man sich auf einige Dinge fokussiert und nicht alles glaubt, was erzählt wird. Es ist das gleiche, wenn man alles glaubt, was die Regierung oder die Medien erzählen. Alles zu glauben, was die Verschwörungstheorien behaupten, ist exakt dasselbe. Man muss also für sich selber ein Mittelding finden, logisch denken und klug sein. Es ist gefährlich, alles zu glauben. Wenn man aufwächst, wird einem auch immer erklärt, dass man nicht allem Glauben schenken soll, was in der Zeitung steht. Es scheint, dass wir das vergessen haben und auf die Titelseite schauen und denken ‚Oh, das ist wahr!’ Wenn ich in Norwegen auf eine Titelseite schaue, kaufe ich im Endeffekt nie die Zeitung aber ich schaue mir wenigstens das Cover an, weil ich dann weiß ‚Aha, das wollen sie mich also wissen lassen. Aber warum?’ Es ist faszinierend wieviel Mist immer auf der Titelseiten steht, sowas wie ‚Britney Spears ohne Unterwäsche!’. Und dann steht da irgendwo noch ‚Übrigens, es herrscht irgendwo in Europa Krieg’ mit einem kleinen Foto, welches man kaum erkennen kann. Die Medien werden genauso benutzt wie wenn du einem Zauberer mit einem Hasen im Hut zuschaust. Wenn er hier etwas macht *zieht einen imaginären Hasen aus einem imaginären Hut*, dann schaust du auch hierhin, obwohl eigentlich alles hier passiert *zeigt auf seiner anderen Seite nach unten* und das ist es, was die Medien auch tun. Du schaust hierauf *beschreibt eine Schlagzeile* aber du solltest hierhin sehen *beschreibt ein winziges Stück Zeitung*, denn das ist die wirklich wichtige Sache.

In vielen Rocket-Science-Rezensionen ist vordergründig die Rede von einigen technischen Aspekten wie den Gitarrensounds und so etwas und kaum von den Texten und deren Hintergründen. Was denkst du über solche Rezensionen?
Das ist extrem frustrierend. Aber ich liebe das Internet, ich bin ein richtiger Internet-Junkie. Das Internet hat jedoch auch schlechte Seiten. Ich mag es, dass jeder eine Stimme und somit eine eigene Meinung hat; jeder kann schreiben, was er will. Das ist gut. Das bedeutet aber auch, dass Leute, die eigentlich gar keine Ahnung haben, worum es geht, genauso viel ‚zählen’ wie jeder, der wirklich versteht, worum es geht. Ob jemand seinen richtigen Namen oder einen Spitznamen benutzt, man weiß nie wirklich, wer dahinter steckt und warum man seine Zeit damit vergeuden sollte, etwas von ihm zu lesen. Ich finde es gut, dass das Internet ein ‚offenes Medium’ ist, aber gleichzeitig sitzt man da und liest Reviews von Leuten, die wahrscheinlich gar keine Ahnung haben.
Andere lesen das dann und denken – wir kennen das ja nun von den anderen Medien – ‚Okay, wenn er eine Review geschrieben hat, dann hat er so etwas auch gelernt und weiß viel über Musik, über Musikgeschichte und was so abgeht.’ Also befindet man diese Review für gut. Und genau das ist das Problem. Viele lesen eine Review nach dem Motto ‘Oh okay… also alles Müll… aha…’ und dann bekommen sie ein mieses Gefühl und entscheiden, sich eher etwas anderes anzuhören. Glaub nicht das, was du liest. Aber… es ist interessant, dass ihr mir diese Frage stellt, denn als Musiker ist man stolz auf ein neues Album und nervös und gespannt, was die Leute wohl davon halten.
Bei diesem Album weiß ich aber, dass ich mein Bestes gegeben habe und es ist genauso wie ich es haben wollte. Es ist mir zum ersten Mal wirklich egal, was die Leute denken. Das ist nicht negativ gemeint, aber ich weiß, dass ich Recht habe. Sie können also kommen und mir erzählen was sie wollen und ich werde sagen ‚Okay, schön für dich. Du verpasst da ein richtiges gutes Stück Kunst. Aber wenn du es nicht magst, dann ist das okay.’ Und deshalb haben diese ganzen Online-Reviews nur etwas mit Stil zu tun, denn wenn sie über ‚Kunst’ schreiben würden, könnten sie nichts schlechtes über das Album sagen. Sie könnten nicht schlechtes über das Artwork schreiben, denn es ist so gut.
Sie könnten nichts schlechtes über die Produktion schreiben, denn die ist verdammt gut. Sie könnten nichts schlechtes über die Texte schreiben, denn die sind wirklich extrem gut. Sie könnten nichts schlechtes über die Melodien schreiben, denn auch die sind richtig gut. Sie könnten nichts schlechtes über die Arrangements, die Gitarrensounds oder die Synthesizer schreiben. Sie können einfach schlichtweg nichts schlechtes schreiben, weil es alles so gut ist. Wenn sie also etwas dagegen schreiben wollen, rutschen sie in diese Stil-Sache und die beruht nur auf dem persönlichen Geschmack des Schreibers und nicht auf der Qualität des Albums. Wenn es nur um den Geschmack geht, ist das okay für mich, denn ich mag meine Musik und ihr mögt eure und vielleicht haben wir ein paar Bands gemeinsam, die wir mögen. Ich würde niemanden dazu drängen, etwas bestimmtes zu hören, genauso wie mich niemand dazu bringen könnte. Wenn Leute meinen Stil nicht mögen, ist das okay. Vielleicht mag ich ihren auch nicht. Aber das werde ich nicht überall ins Internet schreiben. Da ist ein großer Unterschied. Ich werde so jemanden auch nicht beleidigen… Aber… nein, es ist okay *lächelt* Es ist okay.

In einem anderen sagtest du, dass du versuchst, private Dinge in deinen Songtexten zu verstecken. Machst du das für dich oder möchtest du, dass die Fans diese Dinge (heraus-)finden?
Für mich ist es einfach unmöglich – und das ist einfach nur menschlich –, nichts privates in den Texten zu hinterlassen. Es ist egal, wovon der Song handelt, ein kleiner Teil von mir befindet sich immer darin; nicht, weil ich das möchte, es passiert einfach. Wenn du kreativ bist, kommt etwas von Herzen und du machst es für andere sichtbar. Es befinden sich also kleine private Dinge von mir in den Texten, aber sie gehören auch in den Zusammenhang eines ganzen Songs. Man muss mich wirklich kennen um sie zu verstehen oder sie zu finden. In ‚Pitch Black’ zum Beispiel singe ich ‚Still I’m in the wrong lane because I don’t drive’. Auf die falsche Bahn zu geraten bedeutet, dass Dinge in die falsche Richtung laufen aber der Satz bedeutet auch, dass ich nicht fahren kann. Leute, die mich kennen, wissen, dass ich keinen Führerschein habe *alle lachen* Auf diesem Album ist eine Menge dunkles Zeug, es ist ziemlich depressiv und dann sind da aber auch diese kleinen sarkastischen Witze. Oder bei ‚Apollo’: ‚Suits and helmets on, now we look like twins’ – beim Schreiben dachte ich einfach daran, wenn man zu zweit in einem Boot sitzt, ganz weit fernab von allem anderen und man sieht sich an und sieht genau gleich aus. Was würdest du denken? ‚Wow, jetzt sehen wir aus wie Zwillinge!’ Das sind diese kleinen verrückten Dinge, die wir in die Songs eingebaut haben.

An dieser Stelle mussten wir das Interview leider abbrechen, da sich Stephan für die bevorstehende Show fertigmachen musste.

Melle & Molle / Rockinwords

[Originaltranskript (englisch)]

www.apoptygmaberzerk.de

Rockintalks: Stephan Groth (Apoptygma Berzerk)
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