We Are The Ocean /w Rob Lynch
19.03.2017

Berlin – Musik und Frieden

Ich denke schon seit einer Weile über das Konzept von Abschiedskonzerten nach: Konzerte nämlich sind doch in der Regel etwas Schönes. Du triffst dich dort mit deinen Leuten, hast eine gute Zeit, tanzt, singst und gehst danach mit Ohrensausen nach Hause. Wie aber verändert sich dieses Gefühl, wenn du weißt, dass das heute das letzte Mal ist? Dass du diese Band nie wieder sehen wirst? Ist es da überhaupt noch möglich, das Ganze zu genießen?
Klare Antwort nach dem Auftritt von We Are The Ocean: Und ob!

Auch wenn aufmerksame Fans von der Nachricht nicht allzu geschockt sein konnten, war es doch ein trauriger Moment zu hören, dass die nächste vielversprechende britische Band das Zeitliche segnen muss. Nach fast einem Jahrzehnt Bandgeschichte brechen We Are The Ocean die Zelte ab, nicht ohne jedoch ihren Fans im Rahmen einer Abschiedstour ihr Goodbye um die Ohren zu hauen. Berlin markierte den Abschluss ihrer Deutschland-Reise und man konnte gespannt sein, wie die Stimmung sein würde: Trauer? Erleichterung? Frustration?

Zunächst einmal stand jedoch Rob Lynch auf der Bühne. Ein genügsamer Support Act, passt er doch mit seiner Akkustik-Gitarre ganz einfach mit in den Van. Er machte auch keine große Show aus seinem Act, sondern spielte eine Hand voll seiner Lieder, die besser an einen sonnigen Strand und nicht in das verregnete Berlin gepasst hätten. Hier und da ein netter Plausch mit dem Publikum, ein angenehmer Zeitgenosse, dessen Singer/Songwriter-Musik einen passenden Opener bildete für das, was danach folgte.

Denn nach einer kurzen Umbaupause kam das Quartett von We Are The Ocean plus Keyboarder auf die Bühne und hauten mit Trouble Is Temporary, Time is Tonic aber so was von einen raus. Von Sekunde Eins an war klar: Die da oben machen heute keine Gefangenen.

Vielleicht war es die Erleichterung über den nun abgelegten Erfolgsdruck, vielleicht der feste Wille, die Band und ihre Musik ein letztes Mal zu zelebrieren, oder vielleicht war es Trotz, der die Band – allen voran Sänger Liam Cromby und Leadgitarrist Alfie Scully – dazu bewegte, die beste Show ihres Lebens zu spielen und allen Anwesenden zu zeigen, auf was sie ab jetzt verzichten müssen. My heart’s in broken pieces but I don’t pity myself because I’m to blame.

Ganze dreiundzwanzig Songs spielten die Engländer in knapp zwei Stunden und auch wenn bei jedem Song ihres letzten Albums Ark klar wurde, dass sie sich damit ihr Grab zum Teil selbst geschaufelt hatten, war es mit Abstand die beste Show, die sie in Deutschland jemals gespielt hatten. Selbst das lyrisch wie musikalisch sonst eintönige Confessions bekam an diesem Abend einen ganz neuen Schub Energie und verwandelte sich zum ersten Mal in ein großartiges Stück Rockmusik.
Es war so gut, dass man sich ständig wünschte, sie würden ihre ganz alten Sachen noch einmal aufnehmen, dieses Mal ohne Shouting, oder dass allgemein die Lieder auf Platte an ihr Live-Niveau herankommen könnten. Denn dass, was am Ende bleibt, sind die aufgenommenen Songs. Die Live-Shows gehen.

Den Abschluss bildete natürlich – wie könnte es anders sein – Nothing Good Has Happened Yet.* Eine Zeit lang von der Setlist verbannt, führte jedoch auf dieser Tour kein Weg um diesen Song zurück. „We’re gonna end it where it all began“, sagte Cromby dazu, bevor seine wunderschöne Stimme ein allerletztes Mal ansetzte:

Let me in from the rain, don’t you let me go again, let the water run down my face…

Und nein, ich weine nicht. Draußen regnet es wirklich.

Penny/Rockinwords

*Gibt es Awards für die besten Emo-Songnamen? Wenn ja, hat dieser Songs auf jeden Fall einen verdient.

Rockinconcerts: We Are The Ocean
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