Es war ihre bisher größte Tour über den europäischen Kontinent. Nicht nur was die Anzahl ihrer Auftritte angeht, auch die Venues an sich haben sich seit der letzten Tour quasi sprungartig vergrößert. In Berlin erwartete sie dann auch nicht nur ein angenehm gefülltes Columbiatheater, sondern auch wir mit einigen Interviewfragen in petto. Drummer Tom und Gitarrist Matthew nahmen sich Zeit, um mit uns über ihr Tourleben, potentielle Änderungen des Band-Namens und über den Brexit zu sprechen. (Und keine Angst, zur Aufmunterung am Ende gab es von uns noch einen Pfeffi.)

Hey ihr zwei, wie geht es euch? Habt ihr Hamburg gut überlebt?
Matthew: Gerade so!
Wir waren auch da und es war SO heiß.
M: Ja und dann auch im Bus später! Da war es sogar noch wärmer als im Club. Ich komme mir heute total verschrumpelt vor…
Tom, ich weiß gar nicht, wie du so einen Auftritt in einem Langarm-Shirt überlebst?
M: Keine Ahnung.
Tom: Weiß ich auch nicht…
M: Vor allem weil du auch noch ganz hinten sitzt, da hast du auch immer die wärmste Beleuchtung.
T: Hier sind die Scheinwerfer auch schon wieder so heiß.
M: Ja, das hier ist auch eine heiße Bühne.
Zumindest sind die Decken hier höher, gestern gab es gefühlt keine Luft zum Atmen. Aber Hamburg ist für mich immer eine meiner Lieblingsstädte für Rock-Konzerte. Ich weiß nicht, wie es euch da ergeht.
M: Also wir haben da auch immer eine super Zeit. Ich glaube, ich erinnere mich an kein schlechtes Konzert in Hamburg.
T: Haben wir da beim letzten Mal auch gespielt?
M: Ja da waren wir für 4 Tage hier und haben dann im Headcrash gespielt. In der Nähe der Reeperbahn.
Ebenfalls viel zu warm. Und kleiner. Das Publikum hat euch eine Zugabe aufgezwungen.
M: Ja das stimmt!
Habt ihr schon ein bisschen Heimweh?
M: Bei mir kommt es und geht es. Den einen Tag bin ich total happy, dass ich auf Tour bin, und dann gibt es andere Tage, da wünschte ich, ich könnte mit meiner Freundin einfach nur im Bett liegen und fernsehen…
T: James hat Glück, weil seine Freundin gerade da ist und ein paar Tage mitreisen kann. Ich habe eine Tochter, die zwei Jahre alt ist, und ich vermisse sie furchtbar. Das ist jetzt die längste Zeit, die ich weg war seit ihrer Geburt.
M: Immerhin ist es dank der modernen Technologie, iPhones und so weiter nicht ganz so schlimm. Das hilft.

Wie ist es bisher mit Dinosaur Pile Up auf Tour?
T: Großartig!
M: Wirklich super, sie sind meine absoluten Lieblingsmenschen!

Also habt ihr noch nicht die Nase voll von ihnen?
T: Sie sind so ziemlich die nettesten Typen, es ist total easy mit ihnen auf Tour.
M: Und eine super Band. Ich liebe sie.

Ist euch das schon einmal mit einer anderen Band passiert? Dass ihr genervt von ihnen wart?
M: Meistens wenn wir Support sind.

Ist das dann eure Schuld?
T: Also wir sind total easy!
M: Wir wollen einfach abhängen, etwas trinken und die Leute kennen lernen. Das Problem kommt dann, wenn die andere Band uns fernhält, einfach nur weil wir in einer anderen Band spielen…
T: Normalerweise schlägt man an der Venue auf und dort gibt es dann Catering. Überall ist Essen und WIR lassen jeden mitessen, egal ob du an der Venue arbeitest oder in der Support-Band spielst oder nur mit der Support-Band befreundet bist. Aber wir waren schon auf Touren unterwegs, wo wir das Essen erstmal nicht anrühren durften. Und als wir es dann durften, war es entweder kalt oder schon halb aufgegessen. So etwas macht es dann echt schwierig.
M: Das ist aber nicht Normalzustand. In 9 von 10 Fällen ist es super.
T: Wir hatten aber echt schon ein paar solcher Touren. Wo wir Hunger hatten, einfach nur weil die Band aus Arschlöchern bestand.

Teilt ihr euch auch den Bus? Wer bestimmt die Musik?
T: Meistens teilen wir uns das…
M: Ted (Anm.: Tourmanager) ist richtig gut. Obwohl eigentlich ist Mikey (Anm.: von Dinosaur Pile Up) momentan mein Lieblings-DJ. Auch wenn er eher düster unterwegs ist. Als wären wir im Club.
T: Aber eigentlich teilen wir uns das und wir haben auch Veto-Rechte!

Gibt es von euch einen Song, den ihr gar nicht mehr live spielen möchtet?
T: Friends Like These! Ich hasse es. Den werde ich nie wieder live spielen.
M: Als ihr Phoebe (Anm.: Toms Tochter) bekommen habt, um die Zeit herum haben wir überlegt, es nochmal zu probieren. Weil wir dachten, die Leute würden es mögen. Aber es war eine Katastrophe. Woraufhin wir gesagt haben: Okay, das war’s. Für immer.
T: Wir waren damals auch quasi eine andere Band. Es macht überhaupt keinen Sinn mehr, diese Songs heute zu spielen.
M: Ich kann dazu auch gar keine Beziehung aufbauen.
T: Die Leute, die heute zu den Shows kommen, kommen wegen des jetzigen Albums. Oder wegen des letzten. Sie wollen dann auch diese Songs hören, denke ich. Deswegen hasse ich es, die alten Songs zu spielen. Meet Me Halfway At Least zum Beispiel.

Wie geht es euch, v.a. dir Tom, wenn ihr euch eure Anfänge anguckt? Eure ersten Schritte als Band?
T: Es ist eine große Lernkurve: Ich war nicht zufrieden damit, wie das erste Album war, als es rausgekommen ist. Aber wir haben da Fehler gemacht, die wir beim nächsten Album nicht wiederholt haben. Fools And Worthless Liars war das erste Album, mit dem wir richtig glücklich waren. Deswegen ist es wohl eine große Lernkurve. Es ist allerdings irgendwie unglücklich, dass Friends Like These so erfolgreich war in Großbritannien. Also nicht wirklich unglücklich, das war auch ein kleiner Meilenstein für uns als Band. Ich wünschte nur, ich könnte die Delete-Taste drücken und alle Erinnerungen daran löschen. Immer noch da sein, wo wir jetzt stehen, nur…
M: Das loswerden.
T: Wir hätten vielleicht unseren Bandnamen ändern sollen. Vor Fools And Worthless Liars, das hätte irgendwie Sinn gemacht.
M: Aber wir hatten eine Fanbase.
T: Eben. Wir hatten eine solide Fanbase, also haben wir den Namen behalten.
Eure Musik hat sich ja sehr stark verändert.
T: Es war einfach eine ganz andere Band. Wir haben uns komplett geändert.

Wenn ihr jetzt auf die Aufnahmen von All These Countless Nights denkt, gab es da einen Song, der besonders schwer war aufzunehmen?
M: Da gab es einige. Pretty Low war schwierig, weil es einen Off-Beat hat. Also mussten wir es überlagern, was man als dreckiger Rockmusiker nun wirklich selten macht. Und dann gab es zum Beispiel Pensacola 2013, was wir zu einem Song zusammenpuzzeln mussten. Es ist eine Mischung aus einer Strophe, die James mal geschrieben hat, und dem Refrain aus einem anderen Song von ihm. Die Strophen auf diesem Album sind für mich das Beste, was James jemals geschrieben hatte. Dementsprechend waren wir alle so: „Das muss unbedingt auf die Platte!“ Das hat dann ne Weile gedauert… Also eigentlich nur ein paar Stunden, aber…
T: Ich glaube, als wir Trigger aufgenommen haben, das haben wir ne ganze Weile vor den anderen Songs aufgenommen, das war auch eine Herausforderung.
M: Ja, den haben wir 2013 oder 2014 schon aufgenommen.
T: Ich glaube, das war für mich der schwierigste Song, den ich jemals aufgenommen habe.
M: Das war das erste Mal, dass wir mit Adam zusammengearbeitet haben, unserem momentanen Produzenten. Er ist richtig gut darin, Tom anzutreiben. Ich weiß, dich muss das nerven, aber man kann es wirklich hören.
T: Wir haben die Drum-Rhythmen dafür ausprobiert, ich habe etwas gespielt und er meinte nur: „Nee, mach was anderes…. Nein, probier was anderes aus.“ Das war schwierig, es so hinzubekommen, wie er es wollte. Das werde ich niemals vergessen. Die anderen, z.B. L.O.V.E. haben wir in 2 Takes aufgenommen. Seattle war ein Live Take. Das Ende von Ghost ist ein kompletter Live Take. Manche brauchten etwas Zeit, andere waren an einem Tag fertig.

Seid ihr alle zusammen, wenn ihr aufnehmt? Oder geht ihr einzeln ins Studio, z.B. nur Tom?
M: Wir versuchen es wie eine Live Band aufzunehmen. Dann gehen wir in ein anderes Studio, um Overdubs für die Gitarre zu machen und die Vocals aufzunehmen. James macht das manchmal alleine, aber nur weil er in der Nähe von Adam wohnt. Das Problem ist ja, dass man meistens Zeitvorgaben hat für die Aufnahmen und das kann stressig sein, vor allem für deine Stimme. Denn die Stimme wird leicht und schnell müde. Also haben wir etwas länger gebraucht als erwartet, weil Adam ihm nie gesagt hat: „So, jetzt musst du singen.“ Sie haben es aufgenommen, wenn James sich gut gefühlt hat.
T: Manchmal ist er aufgewacht, hat gedacht: „Nope, schaffe ich heute nicht“, und ist einfach nicht aufgetaucht. Aber Adam hatte damit kein Problem. Er wollte das Beste von jedem von uns. Und wenn er das Gefühl hatte, dass der Tag sonst eine Zeit- und Ressourcenverschwendung wäre, hat er es einfach auf einen anderen Tag verlegt. Also hatten wir zum Glück keine Zeitvorgabe. Er meinte nur: „Es ist fertig, wenn es fertig ist.“ Er hat uns nicht gehetzt.

Ist es eigentlich schwierig für euch, euch für Aufnahmen und Proben zu treffen? Ihr wohnt ja nicht unbedingt in der Nähe voneinander.
M: Ich glaube, für Tom ist es am schwierigsten. Alle anderen wohnen in London und ich wohne in Brighton. Das ist auch nur 50min von London mit der Bahn entfernt.
T: Von Peterborough ist es auch nur eine Stunde etwa. Und es ist nicht wirklich ein Problem, wir proben nicht so oft, weil wir ständig auf Tour sind. Wenn wir etwas Besonderes geplant haben, treffen wir uns manchmal einen Tag vorher, aber meistens kriegen wir es einfach so hin.

Gerade sind wir ja in Berlin, worüber James einen Song geschrieben hat. Seid ihr glücklich, hier zu sein?
M: Total, auch wenn ich leider gestern etwas zu betrunken war. Aber Berlin ist eine meiner absoluten Lieblingsstädte. Denn als Band auf Tour ist man in so vielen Städten unterwegs, ohne letztendlich wirklich etwas davon zu sehen. Aber in Berlin ist es anders, 2013 waren wir für volle zwei Wochen hier, haben hier quasi gewohnt. Deswegen haben wir eine Beziehung zu Berlin, was wirklich schön ist. Wir können rausgehen ohne uns zu fragen, wo wir hingehen können. Wir kennen uns ein bisschen aus und das ist super.

Was sind denn eure „go to“-Orte, wenn ihr hier seid?
M: Es war einmal das White Trash, aber das hat jetzt zu.

Sogar das Neue ist schon wieder zu.
T: Beim letzten Mal waren wir noch da und dann waren James und Max im Dezember für Pressearbeit hier und da war es zu. Das macht mich echt traurig, ich habe es geliebt. Und dann gab es noch die Bar gegenüber vom Lido, die ist auch super.
M: Ja die ist super, die hat ewig auf.

Das mit dem White Trash ist echt traurig, rund um das alte Lokal macht alles zu, weil die Mieten zu hoch sind.
M: ich glaube 2013 war ich da 12 Nächte hintereinander.
T: Wir haben da wirklich gegessen, dann da getrunken und am nächsten Tag sind wir wieder dahingegangen.
M: Auch weil wir dafür bezahlt wurden. Wir haben einmal oben im Restaurant gespielt und zweimal unten im Club.
T: Warum haben wir denn dreimal im selben Lokal gespielt?
M: Frag unseren Ex-Manager… Und wir waren so betrunken.

Habt ihr ein deutsches Lieblingsbier?
M: Erdinger! Ich liebe es. Ich liebe Weißbier und das vor allen anderen.
T: Es ist einfach so wunderbar erfrischend…

Was ist eure Lieblingsstadt hier für Konzerte? Also außer Hamburg.
T: Köln ist auch immer gut. Für mich Köln, Hamburg und Berlin. Die drei sind wirklich die besten für unsere Art von Musik. Wir fahren noch nach München und Münster…
M: Und Stuttgart.
T: Ich bin gespannt, wie es da wird.

Wart ihr da schon mal?
T: Ja ein paar Mal. Aber Köln ist für mich echt immer super, da ist immer ordentlich etwas los. Haben wir es eigentlich beim letzten Mal ausverkauft?
M: Ja MTC.
T: Und dieses Jahr das Luxor.

Was sind eure nächsten Ziele für Deaf Havana?
M: Ich glaube, wir nehmen es, wie es kommt. Wenn man sich zu viel Druck macht, ist es meisten schwierig, damit klarzukommen.
T: Ich will eigentlich nur Musik machen und meine Rechnungen bezahlen können.
M: Genug verdienen, um komfortabel leben zu können. Realistisch gesehen, wenn wir diesen Aufwärtstrend aufrechterhalten können, was die Ticketverkäufe betrifft, vor allem in Europa und hier in Deutschland, wo wir wirklich einen großen Sprung bemerken konnten bei den letzten Malen, die wir hier waren… Also wenn wir das fortsetzen können, weiter wachsen, dann bin ich mehr als happy.

Wird es jetzt nach dem Brexit eigentlich schwieriger, auf Tour zu gehen?
T: Das kommt darauf an, niemand weiß so richtig Bescheid. Nur wenn wir dann Arbeitsvisa brauchen und so etwas…
M: Es ist dann immer noch machbar, aber es braucht viel länger und ist viel langsamer. Es ist so toll, einfach loszufahren, durch Frankreich und so weiter, ohne an den Grenzen kontrolliert zu werden. An einigen Grenzen hatten wir das. Aber so wird es dann jedes Mal sein, das kann es doch sehr komplizieren.

Hoffentlich bedeutet es dann nicht, dass ihr seltener auf den Kontinent kommt.
T: Hoffentlich nicht. Wenn wir nach Amerika oder Australien fahren, ist es ja auch machbar. Es ist nur wirklich nervig.
M: Ja weil man das für jedes einzelne Land machen muss!

Ich glaube nicht, es wäre vermutlich ein Visum für alle EU-Länder.
T: Genau, wir müssten es machen, bevor wir nach Frankreich fahren und dann nicht mehr an den anderen Grenzen. Aber ich weiß nicht. Es ist wieder so eine dumme Entscheidung, die unser Land gefällt hat…
M: Solche Idioten, es macht mich immer noch wütend.

Ich glaube, kein Musiker wollte das, wenn man Facebook und Twitter glauben kann.
T: Niemand mit Hirn wollte das.
M: Ich glaube niemand, der mit einer Band unterwegs ist, hat Leave gewählt.
T: Vielleich liegt es daran, dass sie nicht all die schönen Städte und Orte sehen wie wir, z.B. Berlin. Sie sitzen nur zuhause, sind wütend auf alles und jeden, ohne Grund…
M: …davon abgesehen, dass sie fett und faul sind
T: Sie sitzen nur hinter geschlossenen Türen und jammern.
M: Sie träumen doch immer noch vom British Empire! Sorry, ich werde immer noch so sauer. Es ist einfach so kurzsichtig! Ich persönlich würde mich freuen über die Möglichkeit, irgendwann nach Deutschland zu ziehen. Und ich will, dass das so einfach wie möglich ist. Und ich verstehe nicht, warum jemand das erschweren möchte!?
T: Ich will das auch. Und ich will, dass meine Kinder das haben. Und deren Kinder.
M: Als sie die Wählerstimmen analysiert haben, waren 50% der Wähler über 60 Jahre alt. Sie haben eine Entscheidung getroffen und werden die Konsequenzen nie kennen lernen, weil sie einfach mal tot sind, wenn es so weit ist. Und wir müssen da dann durch. Das regt mich auf!
T: Was mich aufregt, ist, dass sie denken, Großbritannien sei so großartig. Ist es nicht. Es ist nur eine kleine Insel am Rand von Europa, welche sich grade vom Rest isoliert hat. Und sie denken „Ach, wir machen das sonst einfach wieder.“ Aber das können sie nicht. Wenn du raus willst, bist du draußen.
M: Wir sind eine kleine Insel und niemand kümmert sich einen Dreck um uns.

Mit diesem betrüblichen Thema haben wir auch schon das Ende unseres Interviews erreicht. Habt ihr noch einige Famous Last Words für uns?
M: „Lass uns heute Abend mal ruhig machen“ Dankeschön!

Danke an euch!

Penny & Siss/Rockinwords

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Rockintalks: Deaf Havana
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